Personen mit Autismus beschreiben, welche Probleme sie hatten, Sprache zu verstehen

„Mit ungefähr zehn Jahren hatte ich angefangen, hin und wieder Bruchstücke direkt mit Bedeutung zu hören. Ich verfiel auf die Strategie, mir die Sätze der Leute innerlich vorzusagen, und stellte fest, dass ich auf diese Weise die Bedeutung eines ganzen Satzes herausbekommen konnte. Mit den Jahren entwickelte ich diese Fähigkeit soweit, dass ich mit kaum wahrnehmbarer Verzögerung mit meinem Gegenüber sprechen konnte. Ich versuchte immer, mir vorzustellen, was ich gemeint hätte, wenn ich jene Worte aus meinen eigenen Gedanken abgeleitet hätte. Ich versuchte, mir von den ankommenden Wörtern Bilder zu machen, als wären es meine eigenen, eine Art von umgekehrtem Denken."
Donna Williams, "Wenn du mich liebst, bleibst du mir fern." S. 139

„Wörter kann ich mir wie Grandin oft nur aus dem Kontext erschließen, da ich sie nicht richtig höre. Als kleines Kind hat dies wahrscheinlich dazu beigetragen, dass ich mich trotz Jahre andauernden logopädischen Unterrichts immer noch so schwer tat, richtig zu sprechen. Ich habe viele Wörter nur fragmenthaft verstanden und entsprechend nur „so ungefähr“ wiedergeben können.“
Nicole Schuster - Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing - Seite 43

„Mir ist klar, dass ich fast meine ganze Kindheit hindurch meine Mutter einfach nicht hörte. Ihre Bemühungen, geduldig und lieb zu mir zu sein, drangen einfach nicht bis zu mir durch. Ich schenkte ihren Wörtern genauso wenig Aufmerksamkeit wie dem Geräusch eines Wagens, der die Straße entlangfuhr. Ihre Stimme war lediglich Hintergrundgeräusch. Nur wenn sie anfing zu brüllen oder zu schreien, drang sie zu mir durch und holte mich für kurze Zeit aus meinem Schneckenhaus.“
Sean Barron - Hört mich denn niemand? - Seite 125

„Die Unterhaltungen zwischen uns können sich wegen der auditiven Verarbeitungsprobleme, unter denen ich mitunter leide, schwierig gestalten. Neil sagt etwas zu mir, woraufhin ich dann nicke oder „Ja“ oder „Okay“ sage, aber später wird mir klar, dass ich gar nicht verstanden habe, was er gesagt hat. Für ihn kann es sehr frustrierend sein, dass er mir etwas Wichtiges erklärt oder berichtet und dann hinterher feststellen muss, dass ich es gar nicht mitgekriegt habe. Das Problem ist, dass mir nicht bewusst ist, dass ich nicht höre, was er sagt; oft höre ich Bruchstücke von einem Satz, die mein Gehirn dann automatisch zusammenzieht und auf bestimmte Weise deutet. Doch da ich ziemlich häufig wichtige Schlüsselwörter überhöre, bekomme ich den wahren Sinn des Gesagten gar nicht mit.“
D. Tammet - Seite 176

„Das Leben im Autismus ist eine miserable Vorbereitung für das Leben in einer Welt ohne Autismus. Die Höflichkeit hat viele Näpfchen aufgestellt, in die man treten kann. Autisten sind Meister darin, keines auszulassen.“
Axel Brauns - Buntschatten und Fledermäuse - Seite 9

„Die Sprache hat für eine autistische Person eine andere Bedeutung als für Nichtautisten. Sie ist im Allgemeinen eher rezeptiv als expressiv. Ich verstehe, was von anderen gesagt wird, buchstäblich. Mein Gehirn ist nicht in der Lage, dunkle, feine Nuancen der Sprache zu verstehen. Für mich haben gewisse Wörter eine eigene Bedeutung, die sich von den allgemeinen Bedeutungen unterscheiden, weil es für mich mehr Sinn macht, sie damit in Verbindung zu bringen, wie sie in meinem Kopf wirken. Die eigenen Definitionen sind total unkorrekt. Sie sind viel weniger real als die Erklärungen in Wörterbüchern- und sie sind konkreter.“
Jasmine Lee O’Neill - I live in a home within myself (www.nas.org.uk)


Asperger-Autisten über ihre Schwierigkeiten idiomatische und abstrakte Begriffe im Zusammenhang zu verstehen:

„Mutter: „Du sitzt da wie ein Ochs vorm neuen Scheunentor. Fang an. Von allein wird die Seite nicht voll.“
Manche Worte erreichten mich in meiner Welt, manche Worte erreichten mich nicht in meiner Welt. Warum war ich ein Ochse? Warum saß ich vor einem Scheunentor?
Es war sinnlos, die Haha nach der Bedeutung ihrer Worte zu fragen. Ich würde keine der Erklärungen verstehen.“
Axel Brauns - Buntschatten und Fledermäuse - Seite 197

„Ich finde einige Aspekte von Sprache viel komplizierter als andere. Abstrakte Begriffe zu verstehen fällt mir vergleichsweise schwer und ich habe für jeden ein Bild in meinem Kopf, das mir hilft, seine Bedeutung zu entschlüsseln.“
D. Tammet - Seite 182

„Als Kind fand ich besonders idiomatische Ausdrücke verwirrend. Wenn von jemandem gesagt wurde, er sei „durch den Wind“, fand ich das sehr verwirrend, weil ich mich immer fragte, ob denn nicht jeder bei entsprechendem Wetter „durch den Wind“ sein müsse.“
D. Tammet - Seite 183


Rolf M. Seemann (Dipl.- Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut)