Autismus - Diagnose und Erscheinungsbild
Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung.
Anstatt so zu spielen wie andere, benehmen sich autistische Kinder
seltsam, sie drehen an Rädchen, legen Reihen oder lieben sonstige
Ordnungen, sie geben sich immer wieder den gleichen Verhaltensweisen
hin, sie sprechen nicht oder auffallend, sie bleiben mehr für sich,
suchen nicht gerne Trost und Geborgenheit im sozialen Kontakt.
Diese
Andersartigkeit in der Entwicklung wird bei Autismus als qualitativ
betrachtet, nicht eben nur quantitativ, d. h. "verzögert", "zu wenig",
sondern die Entwicklung ist tiefgreifend, massiv anders.
Die
Verhaltensauffälligkeiten können derart gravierend und bizarr sein, dass
sie oft zu einer enormen Belastung der Familien mit autistischen
Kindern und schließlich auch der Betreuungs- und Lehrkräfte der
jeweiligen Einrichtungen führen.
Das Verständnis für die innere
Erlebniswelt autistischer Menschen hat sich durch die Vielzahl der in
den 90er Jahren entstandenen Selbstzeugnisse von Betroffenen sehr
erweitert: Inzwischen ist die Vielfalt und das Ausmaß der Wahrnehmungs-
und Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen von autistischen Menschen
deutlich geworden.
Die Welt wird als chaotisch erlebt, sie hat kein
zuverlässiges und stabiles inneres Abbild im Gehirn der Betroffenen.
Diese reagieren dann - nachvollziehbarerweise - mit Abkapselung.
Der
Begriff Autismus (griechisch autos = selbst) will diesen
(vermeintlichen) Rückzug auf sich selbst ausdrücken. Die Kernsymptomatik
autistischer Kinder, Jugendlicher und Erwachsener ist daher eine
tiefgreifende Beziehungs- und Kommunikationsstörung.
Die
Auffälligkeiten lassen sich gemäß dem DSM IV, einem international
gebräuchlichen Diagnoseschema, in den Bereich der sozialen
Interaktion, der Kommunikation und der Aktivitäten/Interessen zuordnen (siehe Diagnose-Tabelle). Dabei müssen nicht alle Punkte zutreffen, sondern jeweils eine bestimmte Mindestanzahl. Das DSM IV sieht die Diagnose frühkindlicher Autimus
- ein Begriff, der auf Leo Kanner zurückgeht, der 1943 eine Gruppe
autistischer Kinder beschrieb - dann gegeben, wenn zusätzlich zu den in
der Tabelle genannten Kriterien folgende Bedingungen vorliegen:
Beginn
vor Vollendung des dritten Lebensjahres und Verzögerungen oder abnorme
Funktions- fähigkeit in mindestens einem der folgenden Bereiche:
1. soziale Interaktion,
2. Sprache als soziales Kommunikationsmittel oder
3. symbolisches oder Phantasiespiel
Früher galten ca. zwei Drittel autistischer Menschen als geistig behindert.
Die Frage nach der Intelligenz der
Betroffenen muss heute differenzierter betrachtet werden und offener
gehalten werden denn je. Es gibt immer noch Anhänger der alten Befunde.
Diese sind jedoch nicht mehr in der Form haltbar.
Durch die
Erfahrungen, die mit der so genannten "gestützten Kommunikation" gemacht
wurden, wurde deutlich, dass viele autistische Menschen über
Kapazitäten in der Schriftsprache verfügen und von ihrem Sprachniveau
her nicht als geistig behindert einzustufen sind. Sie sind dann
allerdings - trotz ihrer intellektuellen Fähigkeiten mehr oder weniger
"lebens- und alltagspraktisch behindert".
Die Ausprägung des
Autismus hat eine große Variationsbreite, es gibt stärker und milder
betroffene Menschen. Im letzteren Fall kann das Kind oder der
Jugendliche, besonders bei Normalbegabung, nahezu unauffällig sein. Dann
wird er zwar als Sonderling hervorstechen, die Umwelt nimmt aber die
dahinter stehenden Probleme nicht wahr. Nach Asperger, der parallel zu
Kanner in den 40er Jahren in Österreich den Begriff "autistische
Psychopathen" prägte, spricht man hierbei von Asperger-Autismus.
Man
hat sich auf wissenschaftlicher Seite immer wieder gefragt, ob
Asperger-Autismus auf dem "dünnen Ende" des Kontinuums des
Autismus-Spektrums liegt, oder ob es sich um eine eigene, für sich
stehende Störung handelt, die nicht als eine milde Form des
frühkindlichen Autismus zu betrachten ist. Das Diagnose-Schema DSM IV
hat Asperger-Autismus jedenfalls unter eine eigene Rubrik gefasst.
Bei
Asperger-Autismus findet man im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus
in der Regel keine Sprachentwicklungsauffälligkeiten oder Verzögerungen
der kognitiven Entwicklung, d.h. es ergibt sich bereits in den ersten
beiden Lebensjahren ein anderes Bild.
Aufgrund der großen
Variabilität des Erscheinungsbildes, zu dem sich neben den beiden
genannten Hauptdiagnosen auch noch atypische Entwicklungsverläufe
gesellen, spricht man häufig vom "Spektrum autistischer Störungen".
Dabei
können der Grad der autistischen Ausprägung sowie auch das Ausmaß des
vorhandenen kognitiven Potentials unabhängig voneinander variieren.
Gerade bei hoch autistischen Menschen wurden z.B. Fähigkeiten in Lesen
und Schreiben (gestütztes Schreiben) gefunden.
Häufigkeit
Bei Autismus geht man von einer Vorkommenshäufigkeit von vier bis fünf Kindern unter 10000 aus.
Neuere
Angaben, die auch mildere Ausprägungsformen berücksichtigen, nennen
gravierende Angaben: Nach Prof. Poustka kann man davon ausgehen, dass 1
bis 1,2 % der Bevölkerung von einer autistischen Störung betroffen
sind.
Es sind deutlich mehr Jungen autistisch als Mädchen (3 bis 4
Jungen auf ein Mädchen). Bei Asperger-Autismus ist das
Geschlechterverhältnis noch extremer, es gibt Angaben, wonach es sich
auf 8: 1 (Jungen-Mädchen) beläuft.
Mädchen trifft die Störung also
deutlich seltener (was bei vielen Entwicklungsstörungen der Fall ist),
sie scheinen aber, wenn sie autistisch sind, tendenziell stärker
betroffen zu sein als Jungen.
Verlauf
Die
autistische Störung hat mit ihrer Ausprägung und ihren Schwierigkeiten
einen Verlauf . Im früheren Diagnose-Schema DSM-III-R wurde dies auch
diagnostisch berücksichtigt, indem man eine Symptomliste des jüngeren
Kindes extra aufführte (Tab. 1), dort finden sich jene Aspekte, die z.B.
den familiären Alltag schwierig gestalten und die das Kind auch schon
früh auffällig machen. Neben diesen Auffälligkeiten gibt es inzwischen
auch Hinweise auf frühe Merkmale, die autismusspezifisch sind und damit
für die Diagnostik bedeutsam:
Das eine ist die Fähigkeit eines Kindes, ein "Tu-als-ob"-Spiel
zu zeigen, d. h. an Puppen oder Tieren oder Gegenständen ein
Rollenspiel zu zeigen unter Einbezug der Phantasie (symbolisches Spiel).
Z. B. füttert das Kind eine Puppe mit einem Löffel, obwohl keine Speise
im Teller ist oder auf dem Löffel. Der Löffel kann auch nur ein Stab
sein, alles was fehlt, wird dazuphantasiert. Auch die Puppe wird dabei
lebendig.
Das andere ist eine Form des Zeigens. Das Kind zeigt auf
etwas und drückt dabei in etwa aus, "das finde ich toll, was meinst du
dazu... .?" Das ist ein erklärendes und deutlich machendes Zeigen, nicht
um etwas haben zu wollen, sondern nur um die Aufmerksamkeit der
Bezugsperson auf etwas zu lenken. Man nennt dies das Herstellen einer "geteilten Aufmerksamkeit".
Beide
Verhaltensweisen sind bei Autismus stark beeinträchtigt und der
Unterschied zu nicht-autistischen Kindern kann bereits mit anderthalb
Jahren gesehen werden.
Solche Kriterien sind natürlich für eine Früherkennung und -förderung als sehr wichtig zu erachten!
Im Verlauf der Entwicklung kristallisieren sich die autistischen Symptome zwischen dem 2.
und
6. Lebensjahr immer mehr heraus, im Schulalter zeigen Betroffene oft
das klassische Bild der Störung, d. h. Stereotypien, soziale
Zurückgezogenheit, eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit, auffällige
Sprache.
Bis zur Pubertät wiederum
kann eine gewisse Anpassung an die Anforderungen der Umwelt gelingen.
Die Pubertät selbst ist im Verlauf der autistischen Störung als kaum
berechenbarer Einschnitt zu betrachten. Bei einem nicht unerheblichen
Teil der Betroffenen (bis zu einem Drittel) tritt eine
Symptomversch1echterung ein, fast ebensoviele entwickeln epileptische
Anfallsleiden. Hyperaktive Kinder können nach der Pubertät zu
hypoaktiven, d. h. trägen Jugendlichen werden.
Im Erwachsenenalter
kommt es häufig zu einem Abklingen der augenscheinlichen Symptomatik,
d.h. auf den ersten Blick ist die autistische Störung nicht zu erkennen.
Jedoch
ist auch bei einer hohen Anpassungsleistung, die sich gerade bei den
sprechenden, kognitiv nicht eingeschränkten Betroffenen im Zusammenhang
mit den zunehmend besseren Rahmenbedingungen (frühe DiagnossteIlung,
therapeutische Versorgung, Verständnis für die Schwierigkeiten,
Bemühungen um schulische und berufliche Integration) entwickeln kann,
nach wie vor die autistische Grundstörung vorhanden.
Das bedeutet, dass in der Regel die soziale Integration lebenslang erschwert bleibt.
Prognostische Kriterien
Prognostische
Kriterien für den Verlauf und die Anpassungsfähigkeit sind die Sprache,
besonders der sinnvolle Gebrauch von Sprache, und die Intelligenz.
(Nach heutigen Kriterien muss dies näher spezifiziert werden auf
"gezeigte Intelligenz", da bisherige Verlaufsstudien immer nur die
messbare, demonstrierte Intelligenz berücksichtigten.).
Da das Thema
"Autismus" vor allem über den Film "Rain-Man" in das Bewusstsein der
breiten Bevölkerung gelangte, hier noch ein paar Erläuterungen:
Der
von DUSTIN HOFFMANN gespielte Rain-Man ist ein Beispiel für einen
autistischen Erwachsenen mit Restsymptomen in der Motorik (auffälliges
Gehen, Körperschaukeln), mit Veränderungsängsten, enormen
Anpassungsproblemen an lebenspraktische Tätigkeiten und vor allem
auffälligem Kommunikations- und Beziehungsverhalten.
Heute sind durch
die Medien auch andere autistische Menschen einer breiten Masse an
Interessierten vorgestellt worden bzw. haben sich selbst vorgestellt.
Z.B. TEMPLE GRANDlN, Spezialistin für Entwurf und Bau technischer
Anlagen zur Viehhaltung.
Sie selbst sagt von sich, dass man sie heute
wohl als Asperger-Autistin diagnostizieren würde, dass sie aber als
Kind sicher dem frühkindlichen Autismus zugeordnet worden wäre.
Dies
als Beispiel für die diagnostischen Zuordnungsschwierigkeiten, die sich
bei einer Verlaufsbetrachtung ergeben, wo sich Symptome auch bessern
können.
Abschließend möchte ich auch auf das Erleben der Betroffenen selbst noch eingehen.
Es
ist wichtig zu berücksichtigen, dass ein Heranwachsender mit
autistischer Symptomatik sein Anderssein, besonders seine soziale
Isolation, erleben kann und darunter leidet, was sogar zu depressiven
Episoden führen kann.
Möglicherweise erkennen auch Kinder ihr
Anderssein, ihre Einschränkungen. Dann können ihre Blockaden nicht nur
durch die Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen entstehen, sondern aus der
psychischen Situation heraus (vielleicht durch das Erleben von Angst,
Depression, u. a.).
Deshalb kann man nicht genug hervorheben,
wie wichtig neben den immer neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen die
Eigenaussagen Betroffener sind, damit wir unser Ziel erreichen:
Mit Autismus leben - Kommunikation und Kooperation
Tabelle 1
Aus dem DSM-3-R.
Die Auffälligkeiten sind umso deutlicher, je jünger das Kind und je ausgeprägter die Störung
1.Divergentes (uneinheitliches) Entwicklungsprofil
2.Stereotypien
(Handwedeln, Schaukelnde Körperbewegungen, Grimassieren u. a.),
eigenartige Hand- und Körperhaltung, schlechte motorische Koordination
3.Wahrnehmungsauffälligkeiten:
Über- bzw. Unterempfindlichkeiten in
verschiedenen Sinnesbereichen (Schmerz- und Temperaturwahrnehmung,
Gehör, Reaktion auf Licht)
4.Schwierige Nahrungsaufnahme, nächtliche Unruhephasen
5.
Auffälligkeiten in der Stimmung und Emotionalität (wechselhafte
Stimmungslage, wenig emotionale Reaktionen, übertriebene Ängstlichkeit)
6. Selbstschädigendes Verhalten wie Kopfschlagen, Beißen
Rolf M. Seemann (Dipl.- Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut)