Theory of Mind
Uta Frith: Verständnis für soziale Situation
Soziale Wahrnehmung
Die
Forschergruppe um Uta Frith hat sich die Frage gestellt, was das
Eigentliche, das Typische im Erleben autistischer Menschen ist. Die
Frage lautete: "Gibt es einen gemeinsam zugrundeliegenden Mechanismus,
der zu Autismus führt?"
Das
Puzzle der Defizite autistischer Menschen wurde immer vollständiger.
Dabei gab es auch autistische Menschen, die ihre Andersartigkeit
erkannten. Zu dem britischen Neurologen Rutter kam z.B. einmal ein
autistischer Jugendlicher und meinte: "Herr Rutter, ich möchte jetzt
auch Gedankenlesen lernen. Wenn Menschen sich unterhalten, so können sie
dabei doch offensichtlich Gedanken lesen!" Was dieser Jugendliche
spürte war, dass er kein Gefühl hatte dafür, was während des Gespräches
im anderen vor sich geht.
Solche
Defizite hat man in einigen einfachen aber verblüffenden Experimenten
mit jüngeren Kindern festgestellt und mit Aussagen festgehalten wie:
- Autistische Menschen können nicht lügen.
- Sie können andere Menschen nicht täuschen.
- Sie haben kein Gespür für die innere Gedankenwelt einer anderen Person, können sich schlecht in einen anderen hineinversetzen.
- Sie haben Schwierigkeiten, sich Humor und Ironie zu erschließen.
Gesunde
Menschen können intuitiv andere Menschen einschätzen, sie können
erspüren, was im anderen Menschen gerade vor sich geht, bzw. Hypothesen
bilden über deren Innenwelt.
So wie es abstrakte Begriffe gibt wie Liebe und Vertrauen,
die nicht mehr einem konkreten Gegenstand zuzuordnen sind, aber
trotzdem irgendwie in unserem Gehirn repräsentiert sind, so speichern
wir zu sozialen Situationen auch abstrakte Aspekte ab, wie Meinungen, Überzeugungen, Einstellungen, Emotionalität, usw.
Autistischen
Menschen fehlt der Mechanismus, das, was andere glauben könnten,
aufzunehmen, zu repräsentieren. Sie verfügen über keine "Theorie der
psychischen Welt".
Im angloamerikanischen Raum wird von „Theory of Mind“ gesprochen. Abgekürzt als TOM.
TOM betrifft letzten Endes die Fähigkeit zur Empathie.
Empathie
kann hierbei als gedankliche Empathie verstanden werden (ich vermute,
was ein anderer denkt), oder als emotionale Empathie (ich kann
nachempfinden, wie sich eine andere Person fühlt).
Autistische
Menschen können nicht nachvollziehen, wie Verhalten aus bestimmten
mentalen Zuständen resultiert und auch nicht begreifen, wie sich
Überzeugungen und Einstellungen manipulieren lassen; deshalb fällt es
ihnen schwer zu verstehen, was Täuschung und Betrug ist.